Presse

„Kann man Empathie lehren?“

Artikel im Gießener Anzeiger

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„Zuhören, Verarbeiten, Erzählen“

Artikel im uniforum 05/2012

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Rezension der Tante Doktor EP „unsteril“

“This is death Tango, do you want to
dance or do you want to go?”

Im zwar nicht ganz neuen, aber bislang in Deutschland von nur wenigen Bands ernsthaft vertretenen Genre des „medical songwriting“ nimmt die 2011 gegründete Band Tante Doktor eine Sonderstellung ein. Mit ihrer im Oktober 2012 erscheinenden EP „Unsteril“ legen die Giessener ein eindrucksvolles Debüt-Album vor.

Erwartungsgemäß kreisen die 6 Songs inhaltlich um medizinische Themen. Das macht sich nicht nur in eindrucksvollen Texten sondern auch musikalisch bemerkbar, denn hier beschreiten Tante Doktor kreative neue Wege: „Die Aufnahmen für die rhytmisch-gesampelten Hintergrund Beats und Geräusche stammen allesamt von Beatmungs- EKG- und Ultraschallgeräten und wurden von uns auf Intensivstationen und in Schockräumen selbst aufgezeichnet“, erklärt Oliver Vogelbusch, Mitgründer und Saxophonist der Band.

Aber dort wo andere Künstler aufhören geht Tante Doktor noch eine Ebene tiefer. So werden Depression und Burn-Out einer hoffnungslos überarbeiteten Krankenschwester spür- und nachvollziehbar wenn Hans Voigtmann singt: „Der Latexhandschuh schützt, die Seele bleibt unbedeckt.“ Tante Doktor lenken mit Ihren Liedern den Blick auf kleine Momente zwischen Alltäglichkeit und Ausnahmesituation, auf menschliche Begegnungen zwischen Leben und Tod und eben zurück zu den Momenten zwischen Lachen und Weinen, für die man als Arzt zwar jahrelang ausgebildet, im täglichen Berufsalltag aber zu oft und zu früh wieder blind geworden ist.

Die Musik von Tante Doktor ist neu und zaubert ein Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer. Ein nachdenkliches und oft auch überraschtes Lächeln. Davon konnte sich bereits in zahlreichen Live-Auftritten, unter anderem im Vorprogramm von Medizinkabarettist Eckart von Hirschhausen, ein weit gestreutes Publikum überzeugen.

„Unsteril“ ist keine naive Musik von jungen Ärzten, die die Welt verbessern wollen. Die EP ist vielmehr das Ergebnis von außerordentlich kreativen Köpfen, begabten Musikern und reifer, bisweilen stiller Beobachtung. Es dokumentiert den Ist-Zustand. So hat das bisher keiner geschafft. ck

Tante Doktor: „unsteril“ erscheint am 24. Oktober 2012 im Lemming Verlag.
ISBN: 978-300-039247-4; (5 €)
auch erhältlich auf Vinyl (limitierte Auflage)
Bestellung: www.lemmingverlag.de
Hörprobe: www.tante-doktor.com


Bildnachweis:
Cover und Rückseite: Linda Krug / Stephanie Paschold; S. 13: Maximilian Werner, S.24,25,39,40,41,48,50: Pascal Drubel; S. 52,54: Berit
Mohr; S. 42:Clownsvisite e.V., Foto: Anita Grasse; S.43:Dr. mad Clowns e.V., Foto Wolfgang Vielsack; S.44: KlinikClowns e.V., Foto: Victor
Thomas; S. 60,64: Julia Dittmer; S. 68,69: Christoffer Krug, Kathrin Ganss, Michael Knipper



Literaturbetrieb als Freizeitvergnügen

Georg Springmann und Christoffer Krug stellen „Lemming-Verlag“ auf Buchmesse vor
12.10.2011 – GIESSEN

Von Annekatrin Bertram

Manche Leute platzen vor Tatendrang. Die Gießener Georg Springmann und Christoffer Krug gehören dazu. Da heißt es nicht: Darüber würde es sich zu schreiben lohnen. Da wird einfach losgelegt und geschrieben und gemacht. Mittlerweile sogar im eigenen Verlag. Mit dem, ein paar Büchern und dem klaren Ziel: „Wir wollen ganz groß rauskommen“, geht es heute auf die Frankfurter Buchmesse.

„Versonnen strich Peter über die Rückspultaste seines Kassettenrekorders. Man musste sie richtig tief runterdrücken. Je tiefer man drückte, desto schneller lief der Rücklauf.“ Na, was soll denn daran peinlich sein? Ein paar Seiten später und in den Geschichten danach wird es richtig unangenehm. „Lego“ beispielsweise überschreibt die Geschichte eines Jugendlichen, der sich nichts traut und seine einzige Chance dann verpasst, als ihn die attraktivste aller Mitschülerinnen im Schneidersitz auf dem Spieleteppich erwischt: „Peinlich, peinlich.“

Georg Springmann, Arzt von Beruf, hat sich in seiner knapp bemessenen Freizeit hochroten Köpfen verschrieben. Dem eigenen, und denen seiner Freunde. Ganz lapidar lautet der Untertitel „Schlimme Kurzgeschichten“.

Und da ist noch einer, der trotz Rettungswagen und Dienste schieben einfach so und nebenbei ein bisschen Prosa verfasst, Buchumschläge gestaltet und Rezensionen schreibt. „Mehr und Mehr“ heißt Christoffer Krugs Erstlingswerk. Inspiriert durch eine Reise nach Indien lässt er Enddreißiger auf der Suche nach dem Sinn des Lebens in der als absurd empfundenen Fremde aufeinandertreffen. Das war 2009. Ein Jahr später folgte, dem OP-Kittel zum Trotz, Poetisches mitten aus dem Operationssaal. Fernweh ist das Thema der englischsprachigen Kurzgedichte und Fotografien in „Come On, Paint Me a Wound“.

Bücher schreiben, über was auch immer ihnen gerade durch den Kopf geht, war gestern und wird auch in Zukunft wieder sein. Ganz aktuell treibt die Beiden was anderes um, und das nimmt so langsam professionelle Züge an. Der Herbst 2011 gehört der Buchmesse. Ja, der Frankfurter Buchmesse und zu Gast ist nicht nur Island, sondern auch der kleine Lemming-Verlag aus Gießen. Den haben die beiden im vergangenen Jahr kurzerhand gegründet. „Wir haben Bücher, die sonst keiner produziert“, heißt es charmant-witzig auf www.lemming-verlag.de. Jenseits der Internetseite geht es nachdenklicher zu: „Es tut einfach gut, was auf die Beine zu stellen, neben dem Job.“ Allem Autoren- und Verlegerdasein voran liegt die eigentliche Schnittmenge der Freunde und Kollegen nämlich im hiesigen Uniklinikum. Der eine Anfang dreißig, der andere eher Ende, sind sie aus Köln und Werne an der Lippe zum Studium hier aufgetaucht, sind geblieben, besitzen mittlerweile Grund und Boden und auch was oben drauf.

Ob zweites Standbein oder nur was auf die Beine stellen, mit acht Werken im Gepäck geht es heute nach Frankfurt. Da sind nämlich noch „Tizian der Schäfer“ und Hasen, die lange Beine haben und Kinder auf ihrer Entdeckungsreise durch Feld, Wald und Flur begleiten. Da ist auch Romanautorin Nina de Bloos, die in „Martingal“ und in einer kurzen Affäre zum Reitlehrer selbstkritisch die Probleme des Älterwerdens verarbeitet. Oder Krugs Großeltern, deren Briefwechsel in „Buchstaben über der Stadt“ eine gleichermaßen komplizierte wie bewegende Liebesgeschichte zu Zeiten der Berliner Luftbrücke erzählt. Und nicht zu vergessen, Springmanns „Herzblut aus Studienzeiten“. Mitsamt der neu entdeckten andalusischen Lebenslust hat sich Georg Springmann nämlich schon 2006 in „Jein“ verewigt. Hier reicht querlesen, um zu wissen, dass es darum ging, unüberschaubare Abgrenzungsschwierigkeiten zur nicht endenwollenden Cola de Ninjas, was die Mädchenschlange ist, zur Schau zu stellen. Heute kann er darüber lachen, konnte er auch damals, und weil er ein Mann ist, meint er es wohl doch irgendwie immer noch ernst.

Wer wissen will, wie es zwischen den Buchdeckeln von „Peinlich, Peinlich“, „Jein“ und Co. weitergeht, Lust hat auf eine Runde herzliches Geplauder und unbedingt die Geschichte vom Biber hören will, dem der Schwanz abgeschnitten wurde, um zum Lemming zu werden, weil es einen Biber-Verlag schon gibt, der gehe bis zum 16. Oktober in der Halle der Kleinstverlage vorbei.



Annekatrin Bertram in “Der Literat” über „Jein“

Georg Springmann beschreibt in seinem Debutroman „Jein“ die Geschichte einer Freundschaft. Seine Freundschaft zu seinem besten Freund. Und die einer Liebe. Der Liebe dieses Freundes zu einem Mädchen. Einem spanischen Mädchen. Nur eine Woche haben die beiden um die „Flamme“, im andalusischen Cádiz, das zwar von allen Seiten durch den Atlantik begrenzt, sich aber zum Auffinden eines Menschen dennoch als unüberschaubar erweist, wiederzufinden.

Freundschaft und Liebe sind die roten Fäden des Romans, die Themen, die sich in jedem der achtzehn mal spanisch mal deutsch benannten Kapitel wiederfinden und doch die Einzigen, die sich nicht unter den Titel subsumieren lassen. Zwei Themen, denen man mit einem Jein nicht begegnen kann, zwei, die Entscheidungen verlangen. Ein Ja oder ein Nein.

In anderen Dingen darf es ruhig ein Jein sein. Und an Anderem gibt es viel. Der Autor freut sich sichtlich darüber und der Leser mit. Mit einer überdurchschnittlichen Portion Wortwitz, (Selbst-)Ironie, mal mit tiefer Ernsthaftigkeit, mal mit euphorischer Leichtigkeit und über allem mit bestechender Genauigkeit kann man sich in den Bann seiner nicht selten auch nur banal-männlichen Gedanken und Empfindungen ziehen lassen. Viel zu theatralisch!, mag manch Einer denken und sich passagenweise so fühlen als sähe er vor lauter Wort-Blumen die Wiese nicht mehr. Andere tun es dem Autor gleich und fühlen sich in ihrer eigenen Leidenschaft bestätigt.

Nicht zuletzt verleihen sehr realitätsnahe Beobachtungen des Lebens im begehrten Süden den 223 erlebnisreichen Seiten besonderen Lesewert. Auf nahezu mitlebbare Weise beschreibt er ihn durch selbst Erlebtes als heiß, laut, impulsiv, lebensnah, aber auch als oberflächlich, einfältig und abgegrenzt. Mit weit über das touristische Auge hinausgehenden Betrachtungen erhält der Leser eine Begründung für die uns immer unbekannter werdenden engen Bindung innerhalb der Familie, die Bedeutung von Festen, von Traditionen. Einen kleinen Akzent setzt er mit der Beantwortung der Frage warum so viele andalusische Mittfünfzigerinnen Maria heißen, obwohl vielleicht als Carmen getauft: Sie verhalten sich nicht nur wie die Mutter aller, sie sind die Mutter aller sie Umgebenden.

Der bei Ehgart und Albohn im Taschenbuchformat erschienene Roman wartet auf eine breite Leserschaft. Auf all diejenigen, die selbst glauben ein wenig verrückt zu sein, auf die die glauben es täte ihnen gut, auf die, die beim Lesen das Schmunzeln nicht verachten und letztlich auf alle Frauen, die endlich wissen wollen warum Männer nur im Empfinden von echter Liebe monogam sind, es aber – zumindest in Gedanken – nicht lassen können alles auszuziehen, was sich in ihrer Nähe feminin bewegt.



Interview mit Christoffer Krug in „Der Literat“ 11/09

Fluchender Elvis, indisches Farbenfest und verrückte Träume

Christoffer KrugEin kurzes Interview mit Christoffer Krug, Autor des Romans „Mehr und Mehr“ über schicksalshafte Begegnungen, Fernweh und den Geruch von Elefanten.

Ein wenig beleuchteter Tisch abseits des gro­ßen Trubels auf der Buchmesse. Während sich ein paar Meter weiter die deutsche Autoren­prominenz im Scheinwerferlicht sonnt, liest der 29 jährige Christoffer Krug gelassen und mit stoischer Ruhe aus seinem Debüt-Roman vor: „Es riecht anders, irgendwie schal, die Luft hier hat gar keinen Eigengeruch. Es riecht steril, nicht nach Lachen, nicht nach Leben, nicht nach Leid und nicht nach Liebe. Das alte, fette Deutschland riecht einfach nach gar nichts“

Literat: Herr Krug, in ihrem Buch geht es also um den Geruch von Deutschland?

Krug: Eigentlich geht es um den Geruch von Indien, denn dort spielt die Ge­schichte ja hauptsächlich.

Literat: Um den Geruch von Elend, Drogen und Elefanten?

Krug: Diese Geruchswahrnehmungen stehen eigentlich für größere Empfindungen: Fernweh, Abenteuer und wichtige Begegnungen im Leben.

Literat: Und die sind in ihrem Buch ja meist schicksalshaft.

Krug: Richtig. Es geht sozusagen darum, mit den Karten zu spielen, die das Schicksal für uns mischt, sich treiben zu lassen und zuver­sich­tlich zu sein, dass sich auf diese Weise jeder Weg ebnet. Selbst die besten Pläne im Leben sind hinfällig, wenn der Zufall oder das Schick­sal etwas anderes für uns bereit hält.

Literat: Ist ihr Buch ein autobiografischer Roman?

Krug: (lacht) Die Frage wird wirklich am häu­figsten gestellt. Ich habe das, was ich be­schrie­ben habe, selbst gerochen, ansonsten ist alles erfunden.

Reisefleisch, Mordmüller, Pantermehl. Sogar die Nebendarsteller in Christoffer Krugs Roman sind sonderbare Persön­lichkeiten und stehen damit in Punkto unerwarteter Verhal­tensweisen und merkwürdiger Schick­sale den drei jungen Hauptfiguren, die Krug auf eine wilde Erlebnisreise durch Indien schickt, in nichts nach. Er erzählt mit Ihnen eine Geschichte über die Macht des Zufalls und die Situationen in denen er den Men­schen begegnet und ihr Leben bestimmt. Ab und an schaut zwi­schen den Gipfeln des Himalaja zwar ein wenig James Hilton her­vor und auch Christian Kracht scheint einen Einfluss auf Krug gehabt zu ha­ben. Im Ganzen hat es der junge Schriftsteller aber geschafft einen Roman vorzulegen, der sich seine Span­nung und Überraschungen bis zum Ende auf­hebt und über den selbst alteingesessene Kri­tiker sagen: “Nicht schlecht, für ein Erstlings­werk.“ kl